Das ElWisS-Projekt
Genrebasierte Schreibförderung
Genrebasierte Ansätze sind in der wissenschaftlichen Schreibdidaktik weit verbreitet und sowohl in erst- als auch in zweitsprachlichen Erwerbskontexten einflussreich (Paltridge, 2014, S. 303; Thaiss et al., 2012, S. 18). Sie konzentrieren sich auf die Analyse und Vermittlung von Genres und zielen darauf ab, Lernende dazu zu befähigen, die Konventionen und Diskurspraktiken einer Disziplin zu verstehen und zu beherrschen (vgl. Wingate, 2012, S. 28).
Genres werden dabei als kommunikativ-funktional, sozial und konventionell verstanden (Rose & Martin, 2012, S. 53–55; Swales, 1990, S. 58). Wissenschaftliche Genres weisen prototypische Strukturen auf, die sich in typische funktionale Abschnitte – sogenannte Moves – gliedern lassen. Diese sind mit bestimmten kommunikativen Absichten verbunden, etwa eine Forschungslücke aufzuzeigen, und können durch typische Formulierungsmuster realisiert werden. Mithilfe einer Move Analysis (Swales, 1990) lassen sich solche Muster erfassen und für die Schreibdidaktik nutzbar machen.
Unterschiedliche Ansätze genrebasierter Schreibförderung
Auf dieser Grundlage wurden unterschiedliche didaktische Ansätze zur Vermittlung von Genres entwickelt. Zu den bekanntesten gehören sogenannte Teaching-Learning Cycles (z. B. Feez, 1999; Rose, 2008), die Lernende schrittweise von der Analyse eines Genres zur eigenständigen Genreproduktion führen. Diese Form der Genrevermittlung wird in der Literatur auch als Explicit Genre Teaching (EGT) bezeichnet (Clark & Hernandez, 2011).
Das Explicit Genre Teaching steht jedoch in der Kritik, zu reproduktiv und präskriptiv (Hanson, 2009) und daher langfristig demotivierend zu sein (Yasuda, 2011). Zudem wird kritisiert, dass die isolierte Vermittlung von Genres den genreübergreifenden Transfer von Wissen nur unzureichend fördert, da Lernende die erworbenen Genreschemata als starr auffassen und dadurch nicht ausreichend auf die kontextabhängige Variabilität von Schreibaufgaben vorbereitet werden könnten (Clark & Hernandez, 2011).
Als Alternative zum Explicit Genre Teaching wurde der Genre Awareness Approach (GAA) vorgeschlagen. Dieser zielt darauf ab, eine flexible Anpassung von Genrewissen an unterschiedliche kommunikative Kontexte zu ermöglichen (Hanson, 2009, S. xii; Johns, 2008, S. 238) und die Entwicklung eines metakognitiven Verständnisses von Genres anzuregen (Clark & Hernandez, 2011, S. 65). Dazu werden Genres nicht isoliert vermittelt, sondern in unterschiedlichen Kontexten analysiert und systematisch miteinander verglichen. Zudem werden bestehende Vorstellungen über Genres gezielt reflektiert und destabilisiert, um deutlich zu machen, dass Genreschemata nicht starr sind, sondern an neue Schreibkontexte angepasst werden müssen (vgl. Akbulut et al., 2025).
Die Wirksamkeit genrebasierter Schreibförderung
Wie sich Explicit Genre Teaching und Genre Awareness Approach in ihrer Wirksamkeit unterscheiden, wurde bislang nicht empirisch untersucht. Ebenso ist offen, ob der Genre Awareness Approach angesichts seiner anspruchsvollen Zielsetzung für Schreibnoviz:innen geeignet ist. Diese offenen Fragen werden im ElWisS-Projekt im Rahmen einer longitudinalen Interventionsstudie untersucht.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich unterschiedliche genrebasierte Schreibfördermaßnahmen langfristig auf die wissenschaftliche Textqualität und die wissenschaftliche Schreibmotivation auswirken. Darüber hinaus wird untersucht, inwiefern ihre Wirksamkeit von individuellen Voraussetzungen abhängig ist und wie gut die erworbenen Kompetenzen auf ein neues wissenschaftliches Genre übertragen werden können.
Forschungsdesign
Im Rahmen der Studie werden drei Gruppen miteinander verglichen. Die Schüler:innen der beiden Treatmentgruppen erhalten eine genrebasierte Schreibförderung nach den Prinzipien des Explicit Genre Teaching (EGT) bzw. des Genre Awareness Approach (GAA). Beide Treatments umfassen zudem ein ausführliches kriteriengeleitetes Feedback auf die von den Schüler:innen verfassten wissenschaftlichen Texte. Um den Effekt dieses Feedbacks bei der Untersuchung der Wirksamkeit der genrebasierten Schreibförderung berücksichtigen zu können, wurde eine Vergleichsgruppe (Implicit Genre Acquisition, IGA) in das Forschungsdesign integriert. Diese erhält keine genrebasierte Schreibförderung, sondern ausschließlich Feedback auf ihre Texte.
Nach dem Prätest in der 9. Schulstufe (t1) folgen semesterweise drei genrebasierte Interventionen (t2–t4). Dabei beschäftigen sich die Schüler:innen zunächst mit wissenschaftlichen Einleitungen (t2), anschließend mit wissenschaftlichen Forschungsüberblicken (t3) und schließlich mit wissenschaftlichen Fazits (t4). Zur Untersuchung der längerfristigen Wirksamkeit der Schreibfördermaßnahmen folgt in t5 ein Follow-up-Test.
Beim letzten Messzeitpunkt (t6) in der 12. Schulstufe verfassen die Schüler:innen mit dem Mini-Exposé ein für sie neues wissenschaftliches Genre. Anhand vorgegebener wissenschaftlicher Informationen skizzieren sie ein eigenes Forschungsprojekt. Dadurch wird untersucht, inwieweit die zuvor erworbenen Kompetenzen im wissenschaftlichen Schreiben auf ein neues wissenschaftliches Genre übertragen werden können.
Mehrwert der Studie
Das ElWisS-Projekt leistet einen Beitrag zur empirischen Fundierung genrebasierter Schreibförderung und liefert Erkenntnisse darüber, wie wissenschaftliches Schreiben in der Sekundarstufe II langfristig und transferorientiert gefördert werden kann. Die im Projekt entwickelten und erprobten Unterrichtsmaterialien zur Förderung wissenschaftlichen Schreibens stehen kostenlos zur Verfügung.
→ Zu den Unterrichtsmaterialien
Literatur
Akbulut, M., Reitbrecht, S., Gösweiner, A., Menditti, I., & Schmölzer-Eibinger, S. (2025). Developing genre awareness in novice academic writers in secondary education: A longitudinal intervention study on students’ academic writing development. Pedagogical Linguistics. https://doi.org/10.1075/pl.24017.akb
Clark, I. L., & Hernandez, A. (2011). Genre awareness, academic argument, and transferability. The WAC Journal, 22, 65–78.
Feez, S. (1999). Text-based syllabus design. TESOL in Context, 9(1), 11–14.
Hanson, J. K. (2009). Knowing more than they can tell: An assessment of genre awareness among students in writing intensive zoology and civil engineering courses (Doctoral dissertation). University of New Hampshire.
Johns, A. M. (2008). Genre awareness for the novice academic student: An ongoing quest. Language Teaching, 41(2), 237–252. https://doi.org/10.1017/S0261444807004892
Paltridge, B. (2014). Genre and second-language academic writing. Language Teaching, 47(3), 303–318. https://doi.org/10.1017/S0261444814000068
Rose, D. (2008). Writing as linguistic mastery: The development of genre-based literacy pedagogy. In C. Bazerman (Hrsg.), Handbook of writing development (S. 151–166). Routledge.
Rose, D., & Martin, J. N. (2012). Learning to write, reading to learn: Genre, knowledge and pedagogy in the Sydney School. University of Toronto Press.
Swales, J. (1990). Genre analysis: English in academic and research settings. Cambridge University Press.
Thaiss, C., Bräuer, G., Carlino, P., Ganobcsik-Williams, L., & Sinha, A. (2012). Writing programs worldwide: Profiles of academic writing in many places. Parlor Press.
Wingate, U. (2012). Using academic literacies and genre-based models for academic writing instruction: A literacy journey. Journal of English for Academic Purposes, 11(1), 26–37. https://doi.org/10.1016/j.jeap.2011.11.006
Yasuda, S. (2011). Genre-based tasks in foreign language writing: Developing writers’ genre awareness, linguistic knowledge, and writing competence. Journal of Second Language Writing, 20(2), 111–133. https://doi.org/10.1016/j.jslw.2011.03.001